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Wie ich denke

Ich bin ein dialogischer Denker. Viele meiner Gedanken entstehen nicht als lineare Argumentkette, sondern als innere Gespräche. Ich setze mir dabei „Protagonisten" in den Kopf – Stimmen aus Politik, Wissenschaft und Alltag, manchmal auch Kinder, Jugendliche, Freunde oder typische Figuren aus einer bestimmten Szene. Ich stelle mir vor, wie diese Stimmen reagieren würden, wo sie widersprechen, wie sie Begriffe benutzen, welche Abkürzungen sie nehmen – und an welchen Stellen sie ausweichen.
 

Natürlich ist das Projektion. Aber nicht im Sinne von Fantasie, sondern eher wie eine Simulation: Ich baue diese Gesprächspartner aus Mustern, die ich über lange Zeit beobachtet habe – Sprache, Haltung, typische Denkfehler, wiederkehrende Motive. Dann spiele ich dieselbe Frage in Variationen durch – einmal aus meiner Position, einmal aus der Position des Gegenübers. Genau dort entstehen oft Erkenntnisse: nicht, weil ich „Recht haben" will, sondern weil ich verstehen will, warum etwas so ist, wie es ist.
 

Mein Grundprinzip ist: Verstehen statt Bestätigen.

Ich versuche, mir selbst nicht zu glauben, nur weil sich etwas stimmig anfühlt.

Ein Beispiel:
Wie ich ein Tattoo entwerfe

Um das Prinzip greifbarer zu machen, hier ein konkretes Beispiel aus meiner Arbeit als Tätowierer – denn dort nutze ich exakt dieselbe Arbeitsweise, nur mit anderen Werkzeugen.
 

Ein Kunde möchte ein Bergtattoo mit Aquarell-Elementen und geometrischen Formen. In dem Moment entsteht in meinem Kopf ein verschwommenes Bild – noch nicht klar, aber ich habe eine genaue Vorstellung davon, wie das Tattoo aussehen wird. Diese Vorstellung kann ich nicht künstlich herstellen. Sie ist da. Das ist Inspiration.
 

Wenn ich jetzt versuchen würde, dieses Bild direkt auf den Arm zu übertragen – rein aus dem Kopf, ohne Hilfsmittel – wäre es, als würde ich alle Farben, Stifte und Ideen gleichzeitig auf den Arm werfen: ein komplett verschwommenes Chaos. Mein Kopf arbeitet so: Die Inspiration ist instant da, aber noch nicht strukturiert.
 

Jetzt kommt mein Werkzeug ins Spiel: das iPad mit Procreate, in Verbindung mit       dem Internet. Das ist für mich das, was KI beim Schreiben ist.
 

Ich suche mir ein Foto von einem realistischen Berg, der mir gefällt. Ich lege einen zweiten Layer darüber und zeichne die Außenstruktur ab – aber nicht blind. Ich weiß genau, welcher Berg funktioniert, welche Linien auf einem Tattoo gut aussehen und welche nicht. Ich lasse mich von der Schattengebung inspirieren, zeichne Schraffuren dort, wo der Berg dunkel ist, lasse Stellen hell, wo Licht hinfällt und füge freie Designelemente hinzu. Aus meiner eigenen Kerativität.

Dann nehme ich das Hintergrundbild weg und schaue mir meine Skizze an.

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Jetzt beginnt die Iteration: Ich transformiere, vergrößere, verändere die Perspektive – immer abgeglichen mit dem gedanklichen Bild, das ich im Kopf habe. Ich schaue in meinen Ordner mit vorgefertigten Skizzen – geometrische Formen, die ich über Jahre erstellt habe – und füge sie ein. Manche passen nicht ganz, also radiere ich Teile weg, verschiebe sie, probiere aus. Immer wieder dieser

Abgleich: Passt das zu meinem inneren Bild?

 

Dann

kommt die Farbe. Ich nehme Brushes in Procreate, probiere Blau-Grün-Töne aus, verwische, verfeinere. In der analogen Welt müsste ich Farben anmischen, Pinsel nehmen, zigmal neu ansetzen – Trial and Error, extrem aufwändig. Mit dem iPad geht das schneller, aber ich entscheide, was schön ist. Das Tool macht es nur möglich.

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Und genau so ist es mit Texten

Ich arbeite nicht im klassischen Prompt–Antwort-Modus. Meine erste Eingabe ist eher wie dieses verschwommene Bild im Kopf: zu viel auf einmal, aber die Richtung stimmt. Dann fange ich an zu layern. Ich lasse sortieren, verschiebe, kürze, verdichte, baue um – über Zeit, nicht in einem Durchgang. Organisch. Wie ein Motiv, das langsam aus dem Nebel tritt. So entsteht etwas Drittes: nicht KI-generiert und nicht „nur ich“. Eher wie ein Tattoo: Der Entwurf lebt in meinem Kopf – aber erst durch das Werkzeug wird er sichtbar. 

Wer Large Language Models lediglich mit Aufforderungen wie „Schreib mir einen Text über …“ benutzt, wird selten zu etwas Substanziellem gelangen. Gute Ergebnisse entstehen nicht durch das Abgeben von Denken, sondern durch dessen bewusste Führung. Ein Schreiner wird durch Maschinen nicht ersetzt – sie erweitern lediglich seine Möglichkeiten. Ein Musikproduzent delegiert Klangbausteine an Synthesizer, nicht seine musikalische Idee.

Nebentätigkeiten hingegen gehören ausgelagert. Wer heute noch zehn Minuten seiner Aufmerksamkeit darauf verschwendet, einen förmlichen Brief an den Vermieter zu verfassen, nur um einen Stromzählerstand zu übermitteln, statt diese Routine einem LLM zu überlassen, verschwendet geistige Energie an Bedeutungsloses. Wer jedoch glaubt, hochkomplexe Sachverhalte, Haltung oder Erkenntnis ließen sich einfach „von einer KI erklären“, hat das Prinzip von Kunst, Denken und Autorschaft im Kontext von KI nicht verstanden.

Dort, wo eigene Perspektive, Reibung und Urteil gefordert sind, ist Auslagerung kein Fortschritt, sondern Kapitulation. Das Ergebnis sind generische Texte und Bilder – für Laien vielleicht gefällig, für Kenner jedoch nichts weiter als lebloses Füllmaterial. 

Der Unterschied liegt nicht im Tool,

sondern in der Haltung gegenüber dem eigenen Denken.

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